Valentin erzählt (groß)

Valentin erzählt

Ich liebe Buchstaben und kann mit Magnetbuchstaben auf einer Tafel schon viele Wörter schreiben. Am liebsten schreibe ich „Pommes“, weil ich die so gerne esse. Essen tu ich aber sowieso immer gerne. Außerdem liebe ich Schlüssel und das Zerreißen von Papier, das macht so tolle Geräusche! Mit Musik kann ich mich gut beruhigen. Leider habe ich meinen MP3 Player vor ein paar Tagen in den Bach geworfen. Jetzt muss ich warten, bis wir einen neuen kaufen können. Ich liebe es einfach, Dinge weit zu werfen. Die landen manchmal in den Nachbargärten. Meine Mama klettert dann in die Gärten und holt die Sachen wieder zurück. Die Nachbarn kennen uns aber eh alle schon.

Hallo, ich bin Valentin. Ich bin 11 Jahre alt und lebe mit meinen Eltern und meinem Bruder in einem Haus mit Garten in einem kleinen Dorf. Als ich noch klein war, haben meine Eltern bemerkt, dass etwas mit mir „nicht stimmt“. Ich habe nicht gesprochen und war etwas langsamer als die anderen Kinder. Ich wollte nicht umarmt werden und habe selten jemandem ins Gesicht geschaut, weil ich die Mimik der Menschen nicht so gut verstehen konnte. Als ich vier Jahre alt war, habe ich nach einigen Testungen die Diagnose „Autismus“ bekommen. Das war für meine Familie eine Erleichterung, weil sie endlich wussten, was mit mir los war.

Die ersten Jahre waren für uns alle nicht einfach. Ich habe häufig mit Sachen geworfen und war nachts ständig wach. Hat mir etwas nicht gepasst, bin ich laut geworden. Wenn meine Mama mit mir unterwegs war, haben sich andere Personen häufig über mich beschwert oder ihr Ratschläge gegeben. Das war schwer für sie! Ich habe aber eine sehr geduldige Familie, die alles Erdenkliche für mich gemacht und sich viel Zeit für mich genommen hat. In dem Dorf, in dem ich lebe, sind alle nett zu mir, ich gehöre einfach immer dazu – eben so, wie ich bin.

Mein älterer Bruder ist ein großes Vorbild für mich. Es ist für ihn aber nicht immer einfach, dass ich kein „gewöhnlicher“ Bruder bin, mit dem man auch „gewöhnliche“ Dinge unternehmen kann. Er muss sich oft zurücknehmen, da ich durch meine Behinderung mehr Aufmerksamkeit brauche. Zum Beispiel können meine Eltern mit mir nicht spontan sein, weil ich Spontanität bzw. größere Veränderungen nicht so gerne habe. Ausflüge oder Urlaube sind eigentlich kaum möglich und der Alltag meiner Familie richtet sich nach mir und meinen Gewohnheiten. Ich habe den besten Bruder der Welt weil er trotz allem sehr lieb zu mir ist.
Mein Papa ist auch sehr toll! Er arbeitet viel, damit wir genug Geld für meine Therapien und eine zusätzliche Betreuung haben. Leider müssen meine Eltern einen großen Teil meiner Behandlungen selbst bezahlen, nur so kann ich Fortschritte machen. Zusätzlich kocht meine Mama für mich seit drei Jahren gluten- und kaseinfrei. Seitdem geht es mir noch besser. Ich fühle mich ruhiger und nehme meine Umgebung besser wahr.

Seit meinem 6. Lebensjahr gehe ich in eine Sonderschule im Nachbarort. Ich fahre jeden Tag mit dem Schulbus in die Schule und mein Bruder oder andere große Jungs begleiten mich. In der Schule habe ich schon viel gelernt, meine Lehrer nehmen sich ausgiebig Zeit für mich. Ich kann mich mittlerweile wirklich gut mitteilen, durch Gestik, Laute und einzelne Wörter.

Mit meiner Mama war ich vor Kurzem drei Wochen in einer Rehabilitationsklinik. Dort konnte ich hin, weil uns der Bürgermeister aus unserem Dorf dabei geholfen hat. Ich habe in der Zeit dort wieder Einiges dazugelernt. Ich kann mich jetzt zum Beispiel ganz alleine anziehen, wenn meine Mama mir das Gewand vorbereitet.

Mein Herzenswunsch ist, …
… dass Menschen, die eine Behinderung haben, in der Gesellschaft mehr akzeptiert werden und dass mein Valentin den Weg findet, der für ihn passt. (Mutter)

Foto & Video: ichwiedu 2017

 

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