Akil erzählt (groß)

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Ich heiße Akil und bin 30 Jahre alt.

Bis vor ein paar Jahren lebte ich mit meiner Familie in einem großen Haus in der Nähe von Bagdad, Irak. Es ist in meinem Heimatland üblich, dass alle zusammenleben, so haben auch mein Cousin und seine Eltern bei uns gelebt. Es war eine sehr schöne Zeit, damals …

Es kam der Tag, an dem sich alles ändern würde. Der Vater meines Cousins arbeitete als Polizist und das hat nicht jedem in unserer Umgebung so gepasst. Wir erhielten einen Anruf. Eine dunkle Stimme sagte, dass eine Gruppe Männer vorbeikommen und meinen Onkel töten würde. Nur wenige Stunden später raste ein Auto um die Ecke unseres Hauses, es hielt an und schon fielen auch die ersten Schüsse. Zu diesem Zeitpunkt war ich gerade draußen vor dem Haus. Ich wollte mich noch in Sicherheit bringen, doch ich wurde getroffen. Ein Schuss traf mich im Schlüsselbein und einer im Rücken. – Mein Onkel wurde an diesem Tag getötet. 20 Tage lag ich im Krankenhaus. Die Ärzte sagten mir, dass ich nicht mehr gehen können würde, dass der Schuss in den Rücken meine Beine gelähmt hätte. Die nächsten 6 Monate verbrachte ich liegend. Als ich mich nach dieser Zeit wieder etwas bewegen konnte, waren alle Muskeln meines Körpers geschwächt. Mit Mühe schaffte ich es, mich im Rollstuhl aufrecht zu halten.

Das alles ist nun 8 Jahre her. Ich war lange Zeit sehr wütend. Wütend auf diese Männer, wütend auf das, was passiert ist, wütend auf meinen eigenen Körper. Es hat viel Kraft gekostet, mich an meine eingeschränkte Beweglichkeit zu gewöhnen.

Wir zogen um, in ein Gebiet, das wir für sicherer hielten. Doch auch dort nahm die terroristische Bedrohung immer weiter zu. Vor knapp 2 Jahren, es war im November, habe ich mich dann zusammen mit meinem Cousin und zwei Freunden auf den Weg nach Deutschland gemacht; wir sahen keine andere Option mehr.
Unsere erste Station war die Türkei. Von dort aus sollte es mithilfe eines Schleppers nach Griechenland gehen. Diese Strecke mussten wir in einem Schlauchboot mit insgesamt 52 Menschen zurücklegen – mein Rollstuhl hatte da keinen Platz mehr, er wurde mir weggenommen. Mein Cousin und unsere Freunde wechselten sich ab, um mich auf ihren Schultern sicher den Weg bis zum Boot zu bringen. Wir schafften es bis an die griechische Küste. Bis ins Flüchtlingslager lag ich nun wieder abwechselnd auf den Schultern meiner Wegbegleiter. Wir alle waren an unsere körperliche Grenze gegangen.
Die Lager in Griechenland waren überfüllt, wir konnten nur einen Tag bleiben. Ich hatte viel Glück, denn Helfer gaben mir wieder einen Rollstuhl. Wir zogen weiter bis Mazedonien, von dort fuhren wir mit dem Bus. Eine Stunde von der serbischen Grenze entfernt drehte der Fahrer wieder um und es ging „zu Fuß“ weiter. Auf den holprigen Wegen bewegte ich meinen Rollstuhl entweder selbst oder wurde geschoben. So legten wir die Strecke bis hierher zurück. In den Nächten schliefen wir im Zelt.
Im Jänner kamen wir in Österreich an. Auf den Beinen hatte ich viele offene Wunden und starke Schmerzen. In St. Pölten lernte ich eine Frau kennen, die sich um mich kümmerte. Sie brachte mich ins Krankenhaus und meine Wunden wurden behandelt. Sie sagte mir, wir sollten in Österreich bleiben, sie würde uns helfen, eine Unterkunft zu finden. Also blieben mein Cousin und ich hier, unsere Freunde zogen weiter nach Deutschland.

Jetzt lebe jetzt in einem Flüchtlingsheim in Wien. Ich würde gerne wieder einen Deutschkurs machen. Ich warte zurzeit auf einen positiven Asylbescheid. Ich hoffe, ich kann hier bleiben.

Mein Herzenswunsch ist,
… dass ich einen positiven Asylbescheid bekomme und dass ich wieder gehen kann.

Foto & Video: ichwiedu 2017

 

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