Vicky erzählt

Wechsle zur großen Ansicht

Vicky_erzählt

Erst im Kindergartenalter bemerkten Ärzte meine starke Kurzsichtigkeit. Ich erinnere mich selbst nicht mehr daran, aber meine Mutter hat mir erzählt, wie sehr ich staunte, als ich im Alter von vier oder fünf Jahren das erste Mal eine Brille aufsetzte: Es war, als sähe ich die Welt zum ersten Mal! Ich besuchte damals einen integrativen Kindergarten für Kinder mit und ohne Behinderungen, da sich meine Entwicklung in den ersten Jahren durch einen angeborenen Herzfehler und eine Operation als Kleinkind verzögert hatte (die Sehbehinderung war ja anfangs nicht bekannt). Allerdings machten wir in der Gruppe eigentlich keinen Unterschied zwischen behindert und nicht-behindert. Jedes Kind für sich war dort „unterschiedlich anders“, und für mich fühlten sich diese Unterschiede selbstverständlich an.
In den ersten Schuljahren war meine Kurzsichtigkeit kein großes Thema; von der ersten Reihe aus konnte ich die Tafel problemlos lesen. Doch leider ließ meine Sehkraft schon in der Gymnasialzeit nach. Man stellte mir ein „Lesegerät“ neben den Schultisch; das war ein Riesenapparat, der mir vor meinen MitschülerInnen ein bisschen peinlich war! Abgesehen davon war es nicht möglich, das Gerät in ein anderes Klassenzimmer, wie zum Beispiel den Physiksaal oder den Musikraum, mitzunehmen. Zu meinem Glück hatte ich wirklich tolle SchulkollegInnen: Sie halfen mir, Unterrichtsmaterial größer zu kopieren, schrieben für mich mit und schafften es, dass Mobbing während all der Zeit ein Fremdwort für mich blieb. Anders waren da meine LehrerInnen: sie gaben mir oft das Gefühl, dass ich besondere Wünsche hätte und immer etwas extra bräuchte. Ihre fehlende Sensibilität machte mir zu schaffen. Sie vergaßen ständig darauf, dass ihre Unterrichtsmaterialien für mich zu klein gedruckt waren, ich konnte viele Arbeitsblätter – oft schlecht kopiert oder manchmal sogar noch handgeschrieben – einfach nicht entziffern. Mit den Jahren wurde es immer unangenehmer, sie wieder und wieder erinnern zu müssen. – Ich war also sehr froh, als die Schulzeit vorbei war.

In meiner Studienzeit habe ich meine Behinderung dann nicht deklariert, weil ich es aus der Schule schon leid war. Im Nachhinein betrachtet hätte ich mir dadurch allerdings viel Arbeit erspart, denn so konnte ich mir die PowerPoint-Präsentationen immer erst im Nachhinein anschauen oder musste mir Unterlagen selbst größer kopieren.
Ich studierte zunächst Anglistik und Politikwissenschaft in Wien. Im Rahmen eines Seminars mit dem Titel „Disability Studies“ beschäftigte ich mich mit der Wahrnehmung von Menschen mit Behinderung und ihren Rechten. Hierbei wurde mir zum ersten Mal so richtig bewusst, dass meine Behinderung nicht nur an mir lag, sondern zu einem großen Teil an der Gesellschaft … Wäre die Gesellschaft anders strukturiert, würden Menschen anders denken, wäre mein Leben um einiges einfacher verlaufen. Ich verstand, dass es nicht allein ich bin, die sich ständig anpassen muss, sondern dass es auch die Gesellschaft ist, die ihr Denken erweitern und sich auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen einstellen muss. Ja natürlich – es gibt schon einige gute Ansätze, doch sind diese leider oft unzureichend. Was ist beispielsweise der Sinn einer behindertengerechten Toilette, wenn diese nur über Stufen erreicht werden kann? – Ich denke, da gibt es noch viel Raum nach oben …

Im Zuge meiner Masterarbeit beschäftigte ich mich mit der Berichterstattung über die Paralympics in den britischen Printmedien. Es stimmte mich traurig bis wütend, dass die Medien TeilnehmerInnen des Sportevents nicht als das darstellten, was sie waren: SpitzensportlerInnen. Vielmehr wurde über Schicksalsschläge und die „Bewältigung der Behinderung“ berichtet. Das hat den Zeitungen vielleicht das Interesse der LeserInnen gebracht, die SportlerInnen mit Behinderungen allerdings in ein völlig falsches Licht gerückt und ihre Leistungen in den Hintergrund gestellt. Immerhin gab es in einer Zeitung deutliche Versuche, die Paralympischen Spiele als eigenständiges und wichtiges Spitzensportereignis darzustellen. Das machte mir Hoffnung, dass wir vielleicht doch auf einem guten Weg sind, was die Wahrnehmung von behinderten Menschen betrifft.
Nach Abschluss meines Studiums wurde ich Teil eines Schweizer Forschungsteams, das zur sozialen Teilhabe von Personen mit Behinderungen forschte. Ich führte etliche Interviews mit Betroffenen und erlebte bei diesen Gesprächen eine einzige, dafür anfangs große Barriere: das Schwiizerdütsch! Ich habe eine ganze Weile gebraucht, um mich in diese Sprache einzuhören. Nach zwei lehrreichen und arbeitsintensiven Jahren in der Forschung stellte ich für mich fest, dass die „akademische Blase“ ihren Namen leider nicht umsonst trägt. Der Forschungsprozess schritt zu langsam voran und ich hatte nicht das Gefühl, tatsächlich etwas für die Inklusion von Menschen mit Behinderungen zu bewegen. Im Juli vor zwei Jahren musste ich dann kurzfristig an der Netzhaut meines „guten Auges“ operiert werden. Die Operation verlief gut, aber seitdem muss ich in einigen Dingen auf neue Hilfsmittel oder die Unterstützung anderer zurückgreifen. Ich war nach der Operation 3 Monate außer Gefecht gesetzt, habe fast gar nichts mehr gesehen bis das Gas, das für den Eingriff in mein Auge geblasen worden war, sich aufgelöst hatte. Und so hatte ich viel Zeit, um nachzudenken. Mir wurde bewusst, dass die Forschung – so wichtig sie ist – nicht länger etwas für mich ist. Ich wollte im direkten Kontakt zu Menschen stehen und mit direktem Einfluss etwas bewegen können. Also zog ich wieder zurück nach Wien, gemeinsam mit meinem Partner, den ich bereits während meines Bachelor-Studiums in Wien kennengelernt hatte.

Seit gut einem Jahr arbeite ich nun bei der WAG (Assistenzgenossenschaft in Wien, NÖ, Bgld., Anm.) als Peer-Beraterin und bin seit Kurzem auch Mitglied im Betriebsrat der WAG. Dort habe ich das Glück, mit sehr netten und engagierten KollegInnen zusammenzuarbeiten. Außerdem habe ich nun das Gefühl, durch meine Arbeit wirklich etwas zu bewirken …

Mein Herzenswunsch ist, …
… dass die Vorurteile gegenüber Einzelnen und Gruppen, die als „anders“ wahrgenommen werden – inklusive Menschen mit Behinderungen – abgebaut werden.

… dass die für mich sehr erschreckende Tendenz, Menschenrechte und die Umsetzung von diesen Rechten hinter andere Interessen zurückzustellen, umgekehrt wird;
anders gesagt, dass Menschlichkeit, Menschenwürde und Menschenrechte in unserer Gesellschaft größer geschrieben und zu Maßstäben des eigenen Verhaltens und der Politik werden.

Foto: privat

 

Ein Eintrag zu „Vicky erzählt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s