Michi erzählt

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Michi erzählt

Ich bin 52 Jahre alt und lebe gemeinsam mit meiner Schwester in einem Haus mit Garten in einem kleinen Dorf.

Im Alter von 3 bis 45 Jahren war ich stets mit Krücken unterwegs, da meine Beine nicht so funktionieren, wie ich das gerne hätte. Das liegt an der Lähmung meiner Beine durch meinen offenen Rücken – eine Fehlbildung, die entstand, während meine Mutter mit mir schwanger war. Die ersten Krücken, die ich erhielt waren nicht … sagen wir mal … kindgemäß. Sie waren aus schwarzem Stahl gefertigt, diese Gehhilfe habe ich noch heute vor Augen. Die Modelle der Krücken wurden über die Jahre verbessert, der Zustand meiner Beine leider nicht: seit sieben Jahren sitze ich nun im Rollstuhl.

Ich kam mit offenem Rücken zur Welt. Da es damals noch nicht viele Möglichkeiten der pränatalen Untersuchung gab, waren die Ärzte zunächst mit meinem Zustand überfordert und ich wurde in ein anderes Krankenhaus überstellt, wo mir erst nach einer Woche der Rücken zugemacht wurde und mich meine Eltern acht Wochen lang nur durch die Scheibe betrachten konnten.

Mit acht Jahren kam ich, gemeinsam mit meinem jüngeren Bruder, in die örtliche Volksschule. Vier Jahre später, es war Mitte März und die Straßen waren noch gefroren, stand ich mit meinen Geschwistern am Straßenrand und wartete auf den Schulbus. Wir beobachteten, wie ein Autofahrer beim Stadl oberhalb unseres Hauses die Kontrolle über seinen Wagen verlor und dieser von einer Straßenseite zur nächsten geschleudert wurde. Wir wichen auf die Seite aus, doch ich war nicht schnell genug … das Auto erfasste mich mit voller Wucht und meine Beine gelangen unter die Reifen. Was in den darauffolgenden Stunden passiert ist, weiß ich nur aus Erzählungen. Erst, als mir eine Krankenschwester meinen Lieblingsring vom Finger zwicken wollte, kam ich wieder zu Bewusstsein. „Sollen wir den Ring runterschneiden?“, dürfte sie ihre Kollegen gefragt haben. „Sicher nicht!“, platzte es plötzlich aus mir heraus. Bis heute hat sich der Unglückslenker nicht bei mir entschuldigt …

Seit 27 Jahren arbeite ich nun in der Wäscherei eines Pflegeheims. Ich habe meine Arbeit immer gern gemacht und bin trotz Schmerzen und häufiger gesundheitlicher Probleme immer mit vollem Einsatz dabei gewesen. Dass im Haushalt alles gut funktioniert, habe ich meiner Schwester zu verdanken. Sie selbst ist geistig behindert, das merkten meine Eltern erst, als sie in der Schule zwar alles abschreiben, aber nicht lesen konnte. Nun ist sie seit ihrem 15. Lebensjahr zuhause. Wir zwei sind wie Pech und Schwefel – wir brauchen uns im Leben einfach gegenseitig. Wir sind immer füreinander da.

Mein Herzenswunsch ist, …
… dass sich Menschen mehr mit dem Thema Behinderung auseinandersetzen. Es geht hier um ganz normale Menschen, die einfach bei gewissen Dingen Unterstützung brauchen.

Foto & Video: ichwiedu 2017

 

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